Linda Hopkins – Die Letzte einer Ära

Es muss 1991 oder '92 gewesen sein. Linda Hopkins und ihre Band waren beim San Francisco Blues Festival aufgetreten und wollten für ihren nächsten Flug einchecken. Angesichts der vielen Instrumentenkoffer fragte die Boden-Stewardess neugierig, wer sie seien und ob Linda ihr nicht etwas vorsingen wolle. Sie ahnte ja nicht, dass Linda spontan darauf eingehen würde. Aber prompt stimmte sie Sarah Vaughan's alten Hit „Misty“ an, hielt plötzlich das Mikrophon für die Ansagen an die Fluggäste in der Hand und sang für den ganzen Wartebereich dieses Terminals im San Francisco Airport. Sofort buchte die Stewardess die komplette Band ohne Mehrkosten um für die erste Klasse, und Linda stolzierte mit ihrem strahlendsten Lächeln der Truppe voraus an Bord der Maschine.

So ist Linda Hopkins. Auf Überraschungen muss man bei ihr ständig gefasst sein, und die Herzen der Menschen erobert sie ohne Mühe im Sturm.

Geboren wurde sie am 14. Dezember 1924 in New Orleans. Es kursiert zwar, wie so oft bei Musikern, noch ein weiteres Geburtsdatum, nämlich der 11. September 1925, aber das lässt Linda nicht gelten. Sie wuchs auf als zweitjüngstes von sechs Kindern eines Baptisten-Predigers, und natürlich sang sie schon als kleines Mädchen in der Kirche.

Dort lieferte sie auch den ersten unumstößlichen Beweis, dass sie ein ganz besonderes Kind war. Kaum elf Jahre alt, brachte sie es fertig, die große Mahalia Jackson am Telefon zu einem Benefiz-Konzert in ihres Vaters Kirche zu überreden. Die ungekrönte Königin des Gospel sagte zu, ohne im Geringsten zu ahnen, mit wem sie ihre Vereinbarung getroffen hatte. Erst vor Ort stellte sie fest, dass eine resolute Elfjährige sie gebucht hatte, und war ebenso überrascht wie hingerissen von dem Kind – „the kid“. Dieser Spitzname haftet Linda Hopkins bis heute an – zu ihrem eigenen größten Vergnügen. Und sie setzte noch einen drauf. Schon ganz Profi, kündigte sie dem Publikum Mahalia's Auftritt an, sang aber vorher selbst noch einen Titel, und zwar ausgerechnet „God Shall Wipe Your Tears Away“, damals einer von Mahalia's größten Erfolgen. Mrs. Jackson war von ihrem reifen Vortrag in tiefster Seele gerührt und sorgte dafür, dass Linda in den Chor der Southern Harp Spiritual Singers aufgenommen wurde, dem sie elf Jahre lang als erste Tenoristin angehören sollte. Mit diesem Chor machte sie auch im Februar 1947 in New York ihre ersten Schallplattenaufnahmen für das King-Label.

Aber nicht nur der Gospel, die „Musik Gottes“, bekam seinen Teil von Linda's Talent, auch zum Blues, der „Teufelsmusik“, fand sie früh und zu einer Zeit, als man sich in den schwarzen Kreisen der USA meist noch für eine der beiden Seiten entscheiden musste. Nicht so Linda. Eine Begegnung mit der unsterblichen Bessie Smith im Palace Theatre in New Orleans im Jahr 1936, und Linda verfiel auch dem Blues. Für sie spielte es keine Rolle, ob die Lieder von Gott und von Jesus oder von Freud und Leid lebendiger Menschen erzählten. Direkt aus dem Herzen mussten sie kommen, dann waren sie richtig für Linda Hopkins. Und so hält sie es bis heute.

Eine dritte Begegnung sollte ihre Schallplattenkarriere auch als Jazz-und Blues-Sängerin einläuten, und das war 1951. Linda sang im Slim Jenkins Night Club in Oakland, Kalifornien. Damals war sie immerhin schon 27. Aber eine 13jährige hatte sie dort gehört und, weil Linda noch sehr jung wirkte, für eine beinah-Altersgenossin gehalten. Außerdem war das junge Ding von Linda's kraftvoll-sinnlicher Stimme überwältigt. Das war Little Esther, der schillernde Kinderstar der Johnny Otis Revue, und ein paar Abende später kam sie wieder und brachte Johnny Otis und den Chef von Savoy Records Herman Labinski mit. Esther trennte sich 1951 gerade (vorübergehend) von Otis, damals bei Savoy, um als Solo-Act beim King-Label weiter zu machen. Johnny hatte also Platz für eine neue Sängerin, und so entstanden im selben Jahr Linda's erste Blues-Aufnahmen mit dem Johnny Otis Orchestra für Savoy.

Und Little Esther verpasste ihr auch gleich noch ihren Bühnennamen. Bis dahin war Linda unter ihrem Geburtsnamen Helen Mathews aufgetreten (ohne ihren zweiten Vornamen Melinda), und das fand die kleine Esther unmöglich fürs Showbusiness. Sie selbst hieß eigentlich Esther Mae Jones und nahm den Namen Phillips auch erst später an. Nun strich sie kurzerhand die Helen, machte aus „Melinda“ „Linda“ und fügte als Familiennamen Hopkins hinzu. „Linda Hopkins, ein Höllenname ... Dieser Name, das bist Du von jetzt an.“, verkündete Esther entschieden. Linda hielt sich daran und revanchierte sich, indem sie Esther fortan bei der Auswahl ihrer Bühnenkleider beriet.

Während der 50er Jahre tourte Linda viel durch die Clubs auf den Hawaii-Inseln und in Japan. Auslöser war ein gemeinsames Engagement mit Louis Armstrong im Brown Derby in Honolulu. Dessen Besitzer vermittelte Linda spontan zu einem sechswöchigen Japan-Gastspiel, und das gefiel ihr so gut, dass sie für zwei Jahre ganz dort blieb, bis sie die Nähe ihrer Familie doch zu sehr vermisste. Wieder daheim in den USA verblüffte Linda Publikum und Presse mit vier Rock ‚n' Roll-ähnlichen Songs in japanischer Sprache. Die beherrscht sie bis heute und gibt sie gelegentlich noch nach ihren Auftritten im kleinen Kreis zum Besten.

Ebenfalls in die 50er fallen Schallplattenaufnahmen für die Labels Crystalette, Forecast, Federal und Atco, etliche Auftritte im berühmten Apollo Theater in Harlem, u.a. gemeinsam mit Little Richard, die Mitwirkung in Keith Wyatt's Film „Rockin' The Blues“ und eine ausgedehnte US-Tour mit der „Rock ‚n' Roll Cavalcade“.

1959 verkörperte Linda Hopkins zum ersten Mal ihr großes Idol Bessie Smith (†1937) in der Broadway Produktion „Jazz Train“ – ein glänzender Erfolg. Mit dieser Show tourte sie 1960 auch zum ersten Mal in Europa – dort unter dem Titel „Broadway Express“ – und spielte quasi im Vorbeigehen ein Dutzend Songs mit Schweizer Begleitmusikern für das Baseler Label Ex-Libris ein.

Dann folgten solide Jahre auf dem Brunswick-Label, für das sie u.a. etliche Duette mit Jackie Wilson aufnahm. Eines davon war „Shake A Hand“, mit dem sie 1963 Platz 21 der R & B Charts erklomm – der einzige Single-Hit ihrer Karriere.

Unterdessen hatte sie sich an der Stella Adler's Acting School in New York eingeschrieben, um nach der Erfahrung in „Jazz Train“ Schauspielunterricht zu nehmen. „Sie sagte zu mir, ich würde nie eine Schauspielerin werden, ich solle einfach nur ich selber sein“, erinnerte Linda sich später. Aber ist das nicht das Erfolgsrezept vieler anderer Darsteller auch? Immerhin arbeitete Stella Adler intensiv mit ihr, und das zahlte sich erstmals aus, als Linda Hopkins 1970 eine Rolle in dem Broadway Musical „Purlie“ übernahm. Für ihre Mitwirkung in der Produktion „Inner City“ erhielt Linda dann 1972 sogar einen Tony Award und einen Drama Desk Award und brillierte später noch in einer ganzen Reihe von Rollen für Bühne, Film und Fernsehen, so als Lil' Boy's Mother in „The Education Of Sonny Carson“ (1974), als Sängerin in „Roots, The Next Generation“ (1979), als Flossie King in dem Clint Eastwood Film „Honkytonk Man“ (1982) und als Hausfrau in der Gruselkomödie „Leprechaun 2“ (1994).

Erst 1973 konnte sie ihre erste komplette LP unter eigenem Namen veröffentlichen. Sie erschien auf RCA und trug den schlichten Titel „Linda Hopkins“. „Here's The Kid“ auf Jazz Between The Dykes (Niederlande, 1994) und „How Blue Can You Get“ auf Quicksilver (1995) sind die beiden jüngsten von insgesamt nur vier Linda Hopkins-LPs.

Einen ihrer größten Triumphe feierte Linda Hopkins in den Jahren 1974/75. Seit ihrer Zeit im Ensemble von „Jazz Train“ hatte sie sich mit der Idee getragen, der großen Bessie Smith ein abendfüllendes Programm zu widmen. „Ich wollte Bessie nicht einfach nur als Sängerin traurig-kummervoller Lieder darstellen, als bedauernswerte, gebrochene Alkoholikerin. Hätte ich das getan, hätte ich eine Lüge gelebt. Bessie brachte den Menschen Freude und Fröhlichkeit – sie hatte auch ihre heitere Seite; jeder hat das an ihr gemocht und so wollen die Leute sich auch heute an sie erinnern.“, erzählte sie dem Jazz-Journalisten, -Pianisten und -Produzenten Leonard Feather. So konzipierte sie das ganze Programm selbst, und zwar als One-Woman-Show, und brachte es unter dem Titel „Me And Bessie“ 1974 zunächst in Los Angeles, dann in Washington D.C. auf die Bühne. Publikum und Kritiker waren begeistert. Danach ging es 1975 weiter an den Broadway, zunächst ins Ambassador Theatre, dann ins Edison Theatre. Aus den ursprünglich geplanten wenigen Wochen wurden schließlich 13 Monate mit insgesamt 453 Aufführungen. Keine Künstlerin (und auch kein Künstler) vor oder nach ihr hat es geschafft, über einen so langen Zeitraum ohne Unterbrechung und ganz allein (mit ihrer Band) jeden Abend ein Broadway-Theater zu füllen. Der Triumph war perfekt, und das Programm erschien auf Columbia auch als Longplayer. In einer deutschen Quelle stand viele Jahre später zu lesen, dass Linda auch für „Me And Bessie“ einen Tony Award bekommen hätte. Diese Angabe stimmt leider nicht. Aber es ist schon erstaunlich, dass Linda Hopkins für diese herausragende Leistung lediglich einen „Critic’s Award“ erhielt.

Aber die 70er Jahre hielten noch weitere Erfolge für Linda Hopkins parat., z. B. eine neunmonatige Tournee mit Sammy Davis Jr. und einen Auftritt beim Amtseinführungsball für Präsident Jimmy Carter. Sie hatte übrigens schon für Präsident Johnson gesungen und trat in den 90er Jahren auch vor Präsident Clinton auf.

Die musikalische Revue „Black And Blue“ wurde zu einem weiteren Highlight in Linda's Karriere. Zwei in Frankreich lebende Argentinier, Claudio Segovia und Hector Orezzoli, die bereits mehrere großartige Bühnenereignisse inszeniert hatten, schufen diese Show als Homage an den Blues und Jazz der glamourösen Cotton Club-Ära in Harlem, New York. 1985 fand im Théâtre Musical de Paris die frenetisch umjubelte Weltpremiere statt, und 1989 ging es wieder an den Broadway. In 829 Aufführungen (die europäischen Gastspiele vorher und nachher nicht mitgerechnet) stand Linda als unangefochtener Star eines 30-köpfigen Ensembles auf der Bühne, zu dem immerhin auch noch andere Größen gehörten, wie z. B. der fast schon legendäre Bunny Briggs, ein Altmeister des Stepptanzes, der schon in den 30er Jahren bei Duke Ellington brilliert hatte. Für ihre Rolle in diesem Programm der Superlative am Minskoff Theatre wurde Linda Hopkins 1989 für einen Tony Award nominiert. Von 1995 – 97 ging sie mit „Black And Blue“ dann wieder auf Tournee in die „alte Welt“.

Und noch eine Weltpremiere feierte Linda in Europa. Im Dezember 1997 hob sich in der Freien Volksbühne Berlin zum ersten Mal der Vorhang für die Musik-Revue „Wild Women Blues“, ein Tribut vor allem an die Sängerinnen Bessie Smith, Ella Fitzgerald, Billie Holiday und Dinah Washington. Gemeinsam mit Maxine Weldon und Mortonette Jenkins und unterstützt von einer erstklassigen Live-Combo, brachte Linda Hopkins das ganze Spektrum weiblicher Emotionen von Lust und Frust der Liebe auf die Bühne und riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Drei Jahre lang – mit einigen Unterbrechungen – gastierte die Show in den Städten Berlin, Hamburg (drei Mal im St. Pauli Theater), München, Köln, Barcelona, Paris, Amsterdam, Wien, Ljubljana, Monte Carlo und auf Sylt. Und diese Show, mit der sie jetzt zuweilen auch in den USA auftritt, genießt sie persönlich noch mehr als „Black And Blue“, obwohl sie bislang noch nicht Einzug am Broadway hielt. Denn in „Wild Women Blues“ bleibt Linda weit mehr Raum zur persönlichen Entfaltung und zum Ausleben ihrer spontanen Einfälle. Wenn sie zum „Down Home Blues“ im gewagt knapp geschnittenen Fransenkostüm aus den 30er Jahren im Stechschritt auf die Bühne stolziert, dann gibt es auf den Rängen kein Halten mehr. Auch lässt sie kaum eine Gelegenheit für improvisierte clownesque Einlagen aus. Die schönste allerdings geschah gänzlich unfreiwillig. Durch ein Missgeschick verlor Linda in Berlin auf offener Bühne einen Teil ihres Kostüms und stand plötzlich in knielangen, schneeweißen und spitzenbesetzten Großmutter-Unterhosen da. Kein Gag hätte besser kalkuliert sein können. Das Publikum geriet bei diesem urkomischen Anblick regelrecht in Raserei. Und Linda verließ nicht etwa fluchtartig die Bühne, sondern kokettierte ausgiebig mit der unverhofften Situation. Leider war ich nicht dabei, und auch sonst hat meines Wissens kein Fotograf diese einmalige Szene festgehalten. Schade, schade! Bei jeder anderen Frau fortgeschrittenen Alters würde man solche Späße eher als peinlich empfinden. Nicht so bei Linda. Ihr Humor, ihre Selbstironie und ihre Herzenswärme sind so ursprünglich, direkt und entwaffnend, dass man gar nicht anders kann als sie zu lieben.

Und wer tatsächlich zum engeren Kreis ihrer Lieben zählt, für den hält sie noch andere Genüsse bereit. Denn Linda ist auch eine hervorragende Köchin, die zu längeren Gastspielen nie ohne ihr eigenes Kochgeschirr anreist. An spielfreien Tagen räumt man ihr dann bereitwillig Platz in der Hotelküche ein, und Linda zelebriert in ihren mitgebrachten Töpfen und Pfannen für ihre gesamte Truppe und die geladenen Freunde die deftige und delikate Küche der amerikanischen Südstaaten: ihr unschlagbares Gumbo, Geflügel mit Finesse oder ihren ganz speziellen gebratenen Fisch – alles extra pikant und einfach unvergesslich.

Überhaupt kann man mit Linda allerhand erleben, vor allem auf Reisen. Zum Beispiel die folgende Geschichte in London. Als Linda einmal mit ihrer Band im Hotel eintraf, waren die Zimmer noch nicht gerichtet, und man bat sie, im Teeraum Platz zu nehmen. Linda bestellte zwar keinen Tee, aber ein Bier, machte es sich auf einem Sofa gemütlich und setzte ihre Kopfhörer auf, um der CD „Nasty Blues“ zu lauschen. Fast alle Songtexte darauf drehen sich um das eine Thema. Und während um sie herum lauter wohlgesittete Engländerinnen und Engländer schweigsam Cookies kauten und Tee genossen, sang Linda ebenso genüsslich die frivolen Texte laut mit und verschwendete keinen Gedanken an ihre Umgebung. Die entgeisterten Gesichter sah sie nicht, sie hatte ihre Augen geschlossen.

Folglich hat sie auch ein großes Herz für andere, die sich mal leicht daneben benehmen. Während eines Festivals in Las Vegas tanzte sich eine angetrunkene Frau während Linda's Auftritt immer wieder hinter die Absperrung ganz nah an die Bühne heran. So oft die Ordner sie weg geleiteten, so oft kam sie wieder, belästigte dabei aber niemanden. Zwischen zwei Songs mahnte Linda die Ordner, sie sollten der harmlosen Frau ihren Spaß doch lassen. Stattdessen wurden die Ordner beim nächsten Mal sogar ruppig. Da riss Linda die Hutschnur. Sie attackierte die Ordner, brüllte durchs Mikrophon, man solle doch endlich die Frau in Ruhe lassen und stürmte sogar von der Bühne den Ordnern nach. Auch das Publikum nahm empathisch die Verfolgung auf. Es entstand ein Tohuwabohu, das wenig später in allen lokalen Fernsehnachrichten zu sehen war, und am Ende forderte Linda ihre Zuhörer von der Bühne aus auf, wegen schlechter Behandlung das Eintrittsgeld zurück zu verlangen. Es gab zwar für Linda auch danach noch das eine oder andere Engagement in Las Vegas, aber nicht mehr für dieses Festival.

Ihr Temperament darf man nun einmal nicht unterschätzen. Dass mussten auch zwei junge Männer begreifen, die sie am helllichten Tag in einem Park in Los Angeles überfielen. Derjenige von beiden, der ihre Handtasche griff, entkam gerade noch, den Komplizen aber bekam Linda zu fassen und verhaute ihn derart, dass er anschließend einen Arzt brauchte. Er hatte halt nicht wissen können, dass Linda als junge Frau einen professionellen Ringkämpfer gekannt und von ihm ein paar Tricks gelernt hatte. Linda musste sogar vor Gericht glaubhaft machen, dass sie tatsächlich in Notwehr gehandelt hatte.

Dabei ist sie sonst für jeden Spaß zu haben und hätte auch hauptberuflich eine begnadete Clownin abgegeben. Aber ihre stärkste Botschaft ist ihre Liebe. Ob sie nun Blues oder Gospel singt, dieser Funke springt immer über. Niemals kommt sie von der Bühne, ohne zwischen mehreren Zugaben Dutzende von Händen zu schütteln, die sich ihr entgegen strecken, und niemals ist das eine Show für die Kameras. Das ist Linda Hopkins pur, daher bezieht sie ihre immer noch atemberaubende Bühnenpräsenz, ihre überschäumende Energie und den Schmelz ihrer tiefschwarzen Stimme (fünf Oktaven und noch ein bisschen mehr), mit der sie immer noch scheinbar mühelos fast jede Jüngere an die Wand singt. Linda Hopkins ist vielleicht die letzte wirkliche Diva des Gospel und Blues, die einzige noch aktive Repräsentantin einer musikalischen Ära, die nach ihr unwiderruflich zu Ende sein wird.

Linda Star Bis weit ins 21. Jahrhundert hinein zeigte sie nur zwei wirkliche Schwächen, nämlich ihre Füße. Gemartert von Jahrzehnten in viel zu engen, hochhackigen Pumps, schmerzen sie mitunter so sehr, dass Linda die Quälschuhe hin und wieder sogar auf offener Bühne abstreifen musste, und das, obwohl sie ansonsten noch fit genug war, den Shimmy zu tanzen. Und sie dachte auch nicht daran, sich auszuruhen. 2005 gastierte sie mit „Wild Women Blues“ wieder zwei Monate in Hamburg und drei Wochen in Paris – mit überwältigendem Erfolg. Und zwischendurch nahm sie die Auszeichnung mit einem Stern auf dem „Hollywood Walk Of Fame“ entgegen. Auch außerhalb ihrer großen Revuen blieb sie immer noch in Jazz-Clubs, auf Festivals und in Fernsehshows ein gefragter Gast. Und mit knapp 82 Jahren setzte sie noch einmal einen Rekord: In nur zwei Abenden nahm sie ein komplettes Live-Album auf – eine unglaubliche Leistung in diesem Alter, das man ihren Aufnahmen nicht anhört. Nach diesem Triumph musste sie allerdings einen Dämpfer hinnehmen. Ein Schlaganfall, nicht schwer, aber ernst zu nehmen, beendete ihre Bühnenpräsenz. Zwar erholte sie sich recht gut, aber zum Mikrophon griff sie seitdem nicht mehr. Ein wenig Gewicht verlor sie auch, ansonsten aber veränderte sie sich kaum. Wer ihr nahe genug kam, um sie um ein Autogramm zu bitten, konnte immer noch ein kleines Wunder beobachten. Denn sie schrieb nicht nur mit links. Linda Hopkins schrieb ihr Autogramm „auf dem Kopf“. Sie schrieb alles so. Wer’s lesen wollte, musste es herum drehen. Ich habe niemals jemand sonst so schreiben sehen, und ich wette, Sie auch nicht. Das Kind – „the kid“, wie Mahalia Jackson sie einst nannte – war jedenfalls noch lebendig und guter Dinge.

 

Kurz vor Ostern 2017 jedoch ging traurige Nachricht um die Welt: Linda Hopkins war am 10. April gegen elf Uhr vormittags in Milwaukee, Wisconsin im Alter von 92 Jahren verstorben.

Die Trauer wurde begleitet von Fragen, denn nur sehr wenige ihrer trauernden Freunde und Fans wussten, dass Linda ihre letzten vierzehn Monate dort zugebracht hatte. Im Dezember 2015 kam eine Großnichte von Linda namens Hazel Lindsay nach Los Angeles, nahm sie mit zurück nach Milwaukee, Wisconsin und brachte sie in einer Pflegeeinrichtung unter.

Linda hatte viele „Söhne“, „Töchter“ und „Enkel“, die sie über die Jahrzehnte nach jener wundervollen informellen New Orleans-Sitte adoptiert hatte, und der Autor dieser Zeilen ist stolz, einer von ihnen zu sein. Und natürlich hatte sie eine Vielzahl von Freunden und Fans in Los Angeles nach all den Jahren des Lebens und Auftretens dort, und so war sie auch dort nicht allein und ohne Betreuung gewesen, aber diejenigen, die den Kontakt per Telefon aufrechterhalten konnten, berichteten, dass Linda sich in Milwaukee gut aufgehoben fühlte. Einige hatten auch die Möglichkeit, sie zu besuchen, und bestätigten, dass es sich um eine sympathische Einrichtung handelte, und dass man sich dort in seriöser Weise um Linda kümmerte. Sie hatte allerdings Probleme mit der Atmung und erlitt einige kleinere Schlaganfälle, sodass es zuletzt schwieriger wurde, mit ihr zu sprechen. Ihr Glaube und ihr couragierter Geist aber blieben unerschütterlich, bis sie schließlich heimging, wie sie es selbst ausgedrückt hätte.

Ihre Beisetzung in Milwaukee wurde am 25. April in aller Stille in der Christian Faith Fellowship Church, 8605 West Good Hope Road, Milwaukee, Wisconsin 53224 begangen. Die New York Times aber in ihrer Ausgabe vom 11. April ließ die ganze Welt in einem ausführlichen Nachruf wissen, dass Linda Hopkins verstorben war, und in Los Angeles arrangierte Linda's Gemeinde einen öffentlichen Gedenk-Gottesdienst für sie am 2. Mai in der Second Baptist Church, 2412 Griffith Ave, Los Angeles, CA 90011 und ein Trauermahl im California Jazz and Blues Museum, 4317 Degnan Blvd., Los Angeles, Ca 90008. Und da kamen Hunderte, um ihr die letzte Ehre zu erweisen – der großartigen Sängerin, der Bühnenpersönlichkeit, der Schauspielerin, der Komödiantin, der Beraterin, der Kollegin, der Köchin, der „Mutter“ und „Großmutter“ und was immer diese außergewöhnliche Frau ihnen sonst noch bedeuten mag und für immer in der Erinnerung bedeuten wird. H. B. Barnum, Aretha Franklin's Musical Director, spielte Klavier und leitete den Chor. Andere Prominente in der Gemeinde waren Freda Payne, Barbara Morrison, Betty Bryant, Bill Duke, Carol Denis, Eloise Laws, Adam Jackson, Howlett Smith, Yve Evans, Robert Hodge, Laurence Hilton Jacobs, Brad Bobo, Quentyn Dennard, Lamar Lubin, Guadalupe D'Lushus, Louis Van Taylor, Elaine Gibbs, Leslie Baker und Frances Livings sowie die frühere Congress-Abgeordnete Diane Watson. Ferner natürlich viele „Wild Women Blues"-Alumni wie Maxine Weldon, Brenda Lee Eager, Peggie Blu, Robert Kyle, Al B. Threats, Washington Rucker, John Stephens, Eric Butler, Greg Poree and Phil Ranelin. Es war ein Gottesdienst nach bester Baptisten-Art mit vielen „Amens“ und Anekdoten-Erzählen, mit großartiger Musik, Tambourine-Schütteln, bewegenden Gesängen und einer tanzenden „Second line"-Parade durch die Kirche mit Schirmen, Perlen, Taschentücher-Schwenken und „When The Saints Go Marching In." Viele schließlich, die nicht selbst kommen konnten, sandten liebevolle Briefe und Beileidsschreiben, z.B. Linda's gute Freundin und Congress-Abgeordnete Maxine Waters und Gospel-Sängerin Mortonette Stephens. Jeder, der Linda Hopkins kannte, ist sich sicher: Sie singt jetzt „in dem Land, in dem wir niemals alt werden“. Da sehen wir uns wieder, Linda!


© copyright Text Dez. 2003 – Mai. 2017 by Mojo Mendiola

Fotos:

1. Linda Hopkins heizt ein
2. Linda Hopkins albert mit Mortonette Jenkins
3. Linda Hopkins im Duett mit Maxine Weldon
4. Linda Hopkins zelebriert den Gospel
5. Linda’ Star auf dem „Hollywood Walk of Fame“

© copyright Fotos März/April/Mai 2005 by Mojo Mendiola
(aufgenommen in ‚Fliegende Bauten’, Hamburg)
© copyright Foto 5 Okt. 2005 by Robert Kyle